Heike Niemeier Systemischer Coach + Sexualberaterin

Ich und der Callboy im Speisewagen

Ich und der Callboy im Speisewagen

Es gibt ja jede Menge Menschen, die die Deutsche Bahn schrecklich finden. Ich hingegen liebe sie, weil ich wirklich immer, auf jeder längeren Fahrt im Speisewagen, ganz besondere Menschen treffe. Und mit diesen Menschen führe ich immer sehr inspirierende Gespräche. So hatte ich zum Beispiel das Glück, mit einer Neurowissenschaftlerin, einer Escort Frau und einem Investigativ Journalisten sprechen zu dürfen.

Und auch dieses Mal gehe ich wieder voller Erwartung auf meiner Fahrt von Berlin nach München in den Speisewagen. Mein Blick scannt die anwesenden Menschen, und ich entscheide mich für den allein sitzenden Mann am mittleren Tisch. Er hat schöne braune Augen und trägt auffallende schwarz-weiße würfelförmige Manschettenknöpfe, die so bizarr sind, dass sie schon wieder gut sind. Auf meine Frage, ob ich mich zu ihm setzen kann, antwortet er sehr freundlich mit einem „ja gerne“.

Als er dann erwähnt, dass er sich auf dem Weg zurück nach München von einem Auftrag mit einer Kundin (die Betonung lag eindeutig bei Kundin) befindet, werde ich neugierig. Und nach kurzer Zeit erzählt er mir, dass er Callboy ist. Wow that`s my day. Einen Callboy wollte ich ja schon immer mal ausquetschen und ich darf es mit seinem Einverständnis. Nachfolgendes Gespräch mit Tom ergab sich dann bei Wein, Weib(=ich) und Gesang (gesungen haben wir allerdings nicht!).

Bist Du ein Vollzeit Callboy?

Nein, ich arbeite hauptberuflich als selbstständiger Entwicklungsingenieur. So kann ich mir meine beiden Arbeitszeiten sehr gut selbst einteilen. Insbesondere weil manche Kundinnen auch Treffen tagsüber bevorzugen.

Seit wann arbeitest du als Callboy?

Seit ca. 3 Jahren.

Was hat Dich denn dazu gebracht? Gab es ein Schlüsselerlebnis, einen Auslöser?

Lustige Geschichte: Eine Ex-Freundin hat mir nach unserer „Trennung“ gesagt, ich wäre der perfekte Callboy. Warum, weiß ich bis heute nicht genau. Nachdem ich ihr Statement nicht ernst genommen habe, hat sie mich gefragt,  ob ich eine Wette mit ihr abschließen möchte: Sie gestaltet mir als Grafikerin eine Callboy-Internetseite und möchte im Gegenzug eine kleine Aufwandsentschädigung, wenn sich wirklich eine Frau meldet. Ich habe lächelnd ja gesagt und  die Wette nach 1 Woche verloren ?   Seitdem bin ich online und stehe Damen sehr gerne zur Verfügung.

Wirklich lustig. Es wäre aber wirklich spannend zu wissen, wieso die Ex meint, dass du der perfekte Callboy bist. Was ist denn aus deiner Sicht so „perfekt“ an dir?

Ohne mich hervorheben zu wollen: ich vermute dass, meine fürsorgliche, dienende, ruhige Art der Grund ist. Für mich war es immer selbstverständlich, zuerst die Frau zu befriedigen – sexuell aber auch im Alltag! Den Vortritt geben, Türe aufhalten, in den Mantel helfen, den besseren Sitzplatz im Lokal anzubieten. Vielleicht ist das Old School Verhalten…. Ich bin aber zu jeder Frau lieber Gentleman als ein Rüpel. Ich wäre mit mir selbst nicht zufrieden, wenn ich einer Frau nicht die Türe öffne oder ihren schweren Koffer trage. Vermutlich hat meine Ex das bei mir beobachtet und das gemeint.

Hast du denn nur weibliche Kundinnen? Welche Altersgruppen kommen zu Dir?

Ja. Ich bediene ausschließlich Frauen und keine Dreier mit Mann. Die Altersgruppe bewegt sich bis jetzt geschätzt zwischen 22 bis Ende 50.

Ist die Lust der älteren Frauen eine andere als die der Jüngeren? Das interessiert mich persönlich sehr, da sich meine Sexualität mit 50 sehr verändert hat, zum Positiven verändert.

Bei jüngeren Frauen ist es der Reiz, einen neuen Mann zu „probieren“. Bei Älteren die Abwechslung oder das Nachholen sexueller Bedürfnisse. Sprich: Langeweile im Liebesleben mit dem Partner oder seit langer Zeit gar keinen Sex mehr gehabt. Zumindest vermute ich das. Aber wie gesagt, oft sind Frauen auch mit einem Gespräch oder einem netten Abend im Lokal zufrieden – ohne Sex. Oft komme ich mir vor, wie die beste Freundin, der man alles erzählen kann. Ein sehr ehrendes Gefühl.

Was für ein schöner Ausdruck, ein ehrendes Gefühl.

Wie bereitest Du Dich auf ein „Date“ vor? Gibt es da Rituale?

Nein gar keine. Klassisches frisch machen wie zu einem „normalen“ Date mit einer Frau. Grundsätzlich mit dunkler Jeans und Hemd. Ich biete auch den Anzug an, der wurde aber noch nie verlangt.

Was ist der Unterschied zu einem privaten Date?

Hatte in meinem Leben bereits von beiden Arten viele. Für mich macht es keinen Unterschied. Ich verhalte mich in beiden Fällen zurückhaltend. Das schreibe ich der Kundin auch vorher. Nicht dass sie glaubt, ich wäre schüchtern. Ich lasse die Frauen reden und Fragen stellen.

Auch privat? Ab wann fragst du denn dann?

Ich kann das zeitlich nicht pauschalieren. Aber es gibt immer einen Zeitpunkt, in dem man vorsichtig Fragen stellen kann. Klarerweise kann man bei einem privaten Date schneller nach den Klassikern wie Hobbies, Job, etc. fragen. Als Callboy sind diese Fragen aber tabu. Es sei denn, die Frau erzählt freiwillig davon – was oft auch der Fall ist. Es kommt nicht selten vor, dass eine Frau mir sagt: „Ich bin X Jahre alt, Beruf X, beruflich vielbeschäftigt, habe 2 Kinder, wohne in X und im Liebesleben mit dem langjährigen Partner herrscht Flaute. Daher habe ich dich heute gebucht.“ Das nimmt ihnen auch die oft vorhandenen Hemmungen, Ängste und Stress.

Wie trennst du denn Privat von Business? Wie gehen Deine Partner*innen damit um?

Derzeit bin ich glücklicher Single. Ich arbeite hauptberuflich sehr viel und bevorzuge so das Leben als freier Callboy gegenüber dem Leben in einer festen Partnerschaft mit Verpflichtungen.

Sind Beziehungen bei dir schon mal daran gescheitert, dass du auch Callboy bist?

Nein, denn bislang hatte ich nie parallel feste Beziehungen.

Was ist schön und was unschön an der Arbeit?

Jedes Date ist für mich spannend. Egal ob sich die Dame bereits per E-Mail beschrieben hat oder nicht. Ich weiß nie, wer mich erwartet. Unschönes habe ich noch nie erlebt. Ich musste mich noch nie zwingen.

Hast du da bestimmte Fragen?

Wenn es der erste Briefwechsel erlaubt, stelle ich oft die Frage: „bitte beschreibe dich auch etwas“ – ohne gezielt nach Details zu fragen. Eine Frage wie: Wie schwer bist du? wäre ein Schuss ins Knie!

Nicht selten kriege ich automatisch „alle“ Informationen, die mich interessieren könnten: Alter, Beruf, Wohnort, Haarfarbe/Länge, Statur. Und manchmal ohne Aufforderung sogar ein Foto. Ich vermute, dass Frauen sicherstellen wollen, dass sie für den Callboy ausreichend attraktiv sind. Was mich bei eindeutig hübschen, attraktiven Frauen oft wundert. Ich frage mich, ob das ein Mangel an Selbstvertrauen ist.

Gibt es eine psychische Belastung? Üben die Kundinnen Macht aus?

Gar keine.

Aus welchen Gründen lehnst Du Kundinnen ab?

Dann, wenn ich beim besten Willen keine fühlbare bzw. vorstellbare sexuelle Anziehung verspüre.

Gibt es da Kriterien, die du definieren könntest, z.B. Achselhaare oder pinkfarbene Dessous?

Wenn es der E-Mail-Verlauf zulässt und ich Zweifel habe, schreibe ich gelegentlich diesen Satz:

Hygiene ist das Wichtigste: NIEMALS ohne Kondom! Beiderseits sind keine ansteckenden Krankheiten bekannt. Gepflegtheit: Frisch geduscht, zumindest teilrasiert, falls Raucherin Mundspülung (Kaugummi ist zu wenig).

Die Farbe der Dessous ist kein Problem.

Außerdem würde ich sofort ablehnen, wenn die Dame ungepflegt wirkt. Was noch nie der Fall war. Ich meine, dass Frauen, die den Schritt wagen, einen Callboy zu bestellen, sich sehr viel Mühe geben. Da sind sie meilenweit entfernt, im positivsten Sinne, von Männern, die zu weiblichen Prostituierten gehen.

Wie gesagt beschreiben mir Kundinnen sehr oft bereits in der zweiten, dritten E-Mail ihren Körper. Wenn der BMI bzw. Größe/Gewicht weit über dem Mittelmaß liegen, lehne ich höflich ab. Ich hatte noch nie ein persönliches Date mit einer Frau, die ich mir von den Körpermaßen ganz anders vorgestellt habe. Haarfarbe/Länge, Augenfarbe, Kleidung ist unwichtig.

Aber es gibt doch sicher auch Kundinnen, die dich nicht attraktiv finden und dann nicht buchen?

Ja, das kommt vor, aber selten. Bei Frauen reicht dafür eine Kleinigkeit: die falsche Augenfarbe, das falsche Parfum (z.B. selbiges wie vom Ex), zu dick, zu dünn, zu klein, zu groß.

Hast Du nur wohlhabende Kundinnen?

Ganz arm sind sie nie. Aber ich würde sagen, dass ein Drittel sich den Luxus ersparen muss (meist für ein einziges Mal). Ein weiteres Drittel könnte sich einen Callboy alle paar Wochen leisten. Das letzte Drittel hat gar kein finanzielles Limit. Info: ich bin in München tätig.

Wie lang war die bisher längste Buchung?

1 Wochenende (von Freitagabend bis Sonntagabend).

Gibt es da einen Pauschalpreis? Natürlich plus Hotel etc….

Ich habe ganz klare Tarife, die meiner Internetseite zu entnehmen sind. Je länger das Date, desto zahlungskräftiger die Kundin. Dann wird auch nicht mehr über Rabatte diskutiert. Frauen, die nur 1-2 Stunden buchen möchten, fragen gelegentlich nach einer Reduktion.

Gibt es Lieblingskundinnen?

Wenn du Damen meinst, die ich öfters treffe, dann ja. Grund: Beide wissen wie’s abläuft. Es bedarf keiner Erklärungen mehr bzw. auch keiner äußersten Vorsicht.

Wie definierst du in diesem Kontext Vorsicht?

Mit Vorsicht meinte ich „Callboy-unerfahrene“ Frauen und Frauen, die z.B. eine langejährige Ehe hinter sich haben und seit Jahren/Jahrzehnten mit keinem fremden Mann intime Momente verbracht haben. Da muss man als Callboy vorsichtig sein. Oft wollen solche Frauen z.B. nicht auf den Mund geküsst werden. Das erscheint ihnen zu intim, zu persönlich.

Kommunizieren die Frauen konkret, worauf sie Lust haben, was sie möchten?

Bereits in der ersten oder zweiten E-Mail äußern die Frauen ihren Wunsch z.B. X Stunden schöne Momente (es wird selten das Wort Sex verwendet) oder X Stunden Massage oder einen netten Abend. Im Falle von Sex, gibt es keine schriftlich formulierten Wünsche. Das ergibt sich automatisch. Ich taste mich dann einfach langsam vor.

Wenn eine Kundin von der Buchung zurücktreten möchte, gibt es so etwas wie Stornierungsfristen und Stornogebühr?

Nein, bei mir nicht. Ich biete immer ein kostenloses 30minütiges Gespräch an. Wenn dieses nicht zu Stande kommt, kostet das auch nichts.

Ich könnte also ein 30minütiges Gespräch mit dir führen, per Telefon oder persönlich, und dann entscheiden, dass ich dich in 2 Wochen buchen möchte?

Ja, aber keine Telefonate. Nur E-Mail-Briefwechsel oder ein persönliches Treffen unter 30 Minuten. Letzteres Angebot wirkt Wunder. Es nimmt der Frau den Stress und führt in 90% der Fälle zu einer „Fortsetzung“. Gleich im Anschluss oder einige Tage später.

Das nenne ich Akquise.

Was passiert, wenn du keine Erektion hast, zu früh kommst, keine Lust verspürst? Gibt es dann das Geld zurück?

Meine Erektion hat zum Glück bis jetzt immer gereicht, um die Frauen glücklich zu machen. Lust haben und zu früh kommen kann ich steuern, indem ich mich voll auf die Frau konzentriere. Klingt banal, ist aber so. Wenn ich merke, die Frau ist ausgiebig verwöhnt worden, gönne ich mir auch einen schönen Abschluss.

Ist ein Orgasmus für sie und dich wichtig? Ich kenne nicht viele Männer, die spüren, ob eine Frau wirklich gekommen ist, oder nicht. Spürst du es?

Viele Frauen „verschließen sich danach“. Damit meine ich, dass sie während und unmittelbar nach dem Orgasmus die Beine fest anziehen oder schließen und zumindest ein paar Minuten nicht mehr intim berührt werden wollen. Für mich ist das ein Zeichen, dass die Frau entweder gekommen ist, oder ihr die Puste ausgegangen ist. Ich habe somit bis zu diesem Zeitpunkt meine „Pflicht“ erfüllt. Wie es weiter geht, bestimmt dann wieder die Frau.

Würdest Du Dich als guten Liebhaber bezeichnen?

Wenn ich es nicht wäre, würden mich „Stammkundinnen“ nicht regelmäßig buchen. Es gab diesbezüglich auch noch keine Beanstandung. Mein Job ist: Volle Aufmerksamkeit der Frau gegenüber. Das ist der Frau am Wichtigsten.

Und jetzt noch zwei totale Klischeefragen. Hast Du dich schon einmal in eine Kundin verliebt?

Nein.

Verlieben die Damen sich in Dich? Was passiert dann? Callboysucht? Finanzieller Ruin? Wie setzt du da deine Grenzen?

Das gab es auch noch nicht. Selbst Stammkundinnen können das meiner Meinung nach immer noch gut abgrenzen.

Meinst Du damit, Frauen können somit klar Sex von Liebe trennen?

Ich glaube, dass die Häufigkeit der Buchungen ausschlaggebend ist. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sich eine Frau nach 3 Buchungen innerhalb eines Jahres in mich verliebt. Ist mir zumindest noch nie aufgefallen.

Was ist das Maximum an Kundinnen pro Tag/Woche? Oder ist das abhängig vom finanziellen Output? Wieviel Zeit lässt du zwischen zwei Kundinnen?

Wer glaubt, dass ein Callboy täglich 3 Dates hat, der irrt. 1-2 pro Woche ist der Durchschnitt.

Am selben Tag hatte ich noch nie 2 verschiedene Kundinnen.

Geht es bei den meisten Buchungen um Sex oder eher um das Reden?

Sehr oft nur zum Reden – in einem Café, einer Bar, im Restaurant. Sex ist nur in 30% der Dates das Ziel. Ich bin selbst oft verwundert, dass mich Frauen zahlen, um ihnen wie ein Therapeut zuzuhören bzw. nur meine Anwesenheit zählt. Für mich ist das absolut kein Problem. Höre gerne zu und „helfe“ so gut es geht. Wichtig ist aber: Neugierde ist als Callboy ein No-go. Keine persönlichen, privaten Fragen (Beziehungsstatus, Beruf, Wohnort, …).

Gibt es noch weitere Regeln/Prinzipien, die du als Callboy einhältst?

Alles was ich schon zum Thema Hygiene benannt habe, sowie diese eigenen No-go’s: –

Intime Leistungen bei Kundinnen jünger als 18 bzw. älter als 60 Jahre.

Keine Gewalt ! KEIN Harter Sex, Strippen, FKK, Frivoles Ausgehen, Rollenspiele, Fisting, BDSM

Das kann ich teilweise verstehen, da beispielsweise der Bereich BDSM sehr groß ist und definitiv auch viel Wissen erfordert. Aber keine Rollenspiele? Ich könnte mir gut vorstellen, dass solche Anfragen schon kommen.

Aber ich verstehe dich, dass du nur das mit deinen Kundinnen lebst, was du auch selber magst. Und das ohne Ausnahme. Und wenn eine Frau einfach von Dir genommen werden möchte würde das noch in dein Portfolio fallen? Oder zählt das schon zu hartem Sex für dich?

Dass ich das Ruder übernehmen soll, wird in 90% der Fälle gewünscht. Gerade bei Neukundinnen steigere ich das Tempo ganz langsam. Ich spüre an ihren Reaktionen wann die maximale Intensität erreicht ist.

Und jetzt meine letzte Frage, was gehört für dich ganz persönlich zu erfüllender Sexualität?

Auch hier wieder meine o.g. Einstellung Frauen gegenüber: Zuerst die Frau verwöhnen und dann an sich denken. Das macht mich mehr an, als eine unbefriedigte Frau wie einen Sandsack zu behandeln und nach 5 Minuten abrupt abzubrechen.

München Hauptbahnhof. Schade, ich hätte noch viele Fragen. Wir verabschieden uns freundlich, und ich denke noch über diese Begegnung nach.

Fragen an die Sexberatung

Muss der Callboy mein Typ Mann sein, um mich sexuell zu befriedigen?

Soll ich ihn buchen?

Ausprobieren meine lieben Frauen. Und wie Ihr dem Foto entnehmen könnt gibt es auch Geschenkgutscheine. Was soll ich noch sagen. Bald ist Weihnachten und es wäre doch schön nächstes Jahr „last Christmas“ mit einer neuen Erfahrung im Kopf zu singen.