Mein Tag mit einem Callboy.

Ich stehe vor dem Lokal, in dem wir uns treffen wollen. Das Lokal hat zu, also warte ich vor der Tür auf ihn. Es ist kurz vor halb elf und in wenigen Minuten wird er kommen. Er ist Callboy und ich bin mit ihm zum Interview verabredet. Aus Diskretionsgründen möchte er anonym bleiben (Anm. der Verfasserin).

Meine kleine Umfrage – wie stellst du dir einen Callboy vor – in meinem Freundinnenkreis ergab folgende Resultate: groß, guter Körperbau, muskulös, ein bisschen – verzeiht mir dieses Wort – aalglatt, voller Testosteron, gepflegt, charmant und auf 5*Hotels fixiert. Und natürlich verdienen sie viel Geld. Irgendwie klingt das schon voll nach Klischees, die teilweise auch in meinem Kopf waren.

Im Vorfeld haben wir gemailt, nicht telefoniert und wir haben uns auch keine Fotos geschickt. Das gefällt mir, denn ich kann so völlig anonym bleiben und jede andere Frau natürlich auch.

Er sagte, er würde mich schon erkennen. Hunderte von Fragen gehen durch meinen Kopf und ich gebe zu ich bin ein wenig aufgeregt. Ich stelle mir vor ihn zu buchen und versuche mich in dieses Mindset zu bringen. Die Aufregung steigt.

Und jetzt kommt er auf mich zu, begrüßt mich freundlich und ist irgendwie so ganz anders als erwartet. Ich nehme ihn als sehr freundlich, unaufdringlich, entspannt und attraktiv wahr. Und jung….Mitte Dreißig ist er.

Wir machen uns auf den Weg ein anderes Restaurant zu finden. Schauen in einige hinein – wir sind beide Ortsfremd – und das erste was er mich fragt: würdest du dich hier wohlfühlen? Schon sehr aufmerksam. Ich denke darüber nach, ob mich Männer die ich gedatet habe jemals gefragt haben, ob ich mich in diesem oder jenem Restaurant wohl fühlen würde?

Auf diesem Weg den wir gehen baut sich schon eine erstaunliche Vertrautheit auf. Wie ist das möglich, dass ich mich in so kurzer Zeit so wohl fühle? Und es sind nicht nur die unaufdringlichen Komplimente, die er mir macht, die dieses Gefühl auslösen. Ich will mehr wissen.

Letztendlich finden wir ein Lokal, in dem wir uns beide wohlfühlen und frühstücken zusammen. Während ich mich ständig vollkleckere, er dies mit einem süßen Lächeln übersieht, erzählt er mir wie er Callboy geworden ist. Er hat eine klassische Ausbildung gemacht in deren weiteren Verlauf sehr viel Kundinnen Kontakt hatte. Und er bemerkte das die Kundinnen Gespräche immer länger wurden, die Frauen sich wohl fühlten mit der Art und Weise wie er seine Beratungen durchführte. Und zu guter Letzt gab es hier auch schon ein paar eindeutige Angebote. Es gab also Bedarf stellte er fest.

Aber statt sofort in das Business zu gehen, hat er recherchiert, sich mit dem Thema, dem Business auseinandergesetzt, schon tätige Callboys interviewt und dann den Schritt in die Selbständigkeit gemacht. Der klassische Weg in die Selbständigkeit: Berufung finden und benennen, Recherche betreiben, mutig sein und starten. So habe ich es mit meiner Selbständigkeit auch gemacht.

Während dieses Interviews läuft bei mir immer die Frage an mich selbst mit: würde ich ihn buchen? Mittlerweile sind mir neben seiner Aufmerksamkeit mir gegenüber, seine schönen blauen Augen, seine unglaublich schönen Hände und seine Brustbehaarung – hier müsste jetzt ein Zwinkersmiley stehen- aufgefallen.

Und natürlich taucht auch die Frage auf könnte ich ihn buchen? Vorausgesetzt ich zahle sein Honorar. Das beläuft sich auf 400 Euro für die ersten beiden Stunden, jede weitere Stunde kostet 100 Euro. Dazu die Kosten für das Hotel, wenn er nicht zu mir nach Hause kommt, Abendessen, Theaterkarten oder was sonst gewünscht ist. Ich höre schon den Aufschrei oh ist das teuer. Es geht um bezahlte Zeit einer Dienstleistung ähnlich der Dienstleistung eines Coachs oder beispielsweise einer Stilberatung. Und by the way: manchmal kauft man sich auch einen Wintermantel, Schuhe oder eine Tasche für 400 Euro. Also wahre ich mal die Relation! Außerdem haben Callboys nicht dreimal am Tag Sex mit einer anderen Frau, zumindest scheint das nicht die Regel zu sein. Kleiner Nachsatz: es muss nicht immer das 5* Hotel sein. In etwas preiswerteren Hotels beziehungsweise Hotelketten ist die Anonymität der Frau eher gewährleistet.

Aber zurück zur Frage, ob ich ihn buchen kann. Ich bin ja nicht mehr die Jüngste! Also wäre ich eine gute Kundin für ihn? Und wenn ja wieso? Ja das sei ich, weil wir einen guten Austausch haben. Also keine Altersbeschränkung und kein zumindest für mich klar erkennbares Ausschlusskriterium.

Aber was, wenn es aus welchen Gründen auch immer nicht passen würde? Dann sei er der Falsche und würde einen Kollegen empfehlen.

Mittlerweile sind wir spazieren gegangen und beim Mittagessen angelangt. Während des Spaziergangs erhalte ich schöne Komplimente und erste Berührungen. Ist das jetzt Akquise?

Sein Hauptklientel sind Frauen plus 50. Ich horche auf. Was möchten diese Frauen? Hier liegt der Fokus auf Ablenkung, und darauf wieder Spannung zu erleben. Die Frauen möchten als Frauen gesehen werden und nicht als Mutter oder berufstätige Frau. Sie haben den Wunsch, das wieder mit ihnen geflirtet wird, was leider oft im Alltag von Beziehungen abhandenkommt. Jüngere Klientinnen buchen ihn eher aus einer Unsicherheit heraus. Mich interessiert natürlich als Sexualberaterin ob die Frauen ihm genau sagen, was sie möchten. Darauf kommt ein klares Nein. Diese Antwort spiegelt sich genau in meiner Arbeit wider. Auch in meiner Praxis ist das Sprechen über Sexualität, insbesondere über Wünsche und Fantasien eines der größten Probleme. Da haben wir doch sogar etwas gemeinsam. Wie aber löst er das? Er nähert sich langsam im Gespräch und dann, wenn gewünscht auch körperlich. Ein Großteil seiner Arbeit ist gar nicht der Sex, sondern die Begleitung der Frauen. Er ist auch als Reisebegleitung buchbar.

Was sind No Go´s für ihn? Küssen und Oralsex lebt er nur in seinen privaten Beziehungen. Denn ein guter Callboy muss kein guter Partner sein. Auch rutscht ihm raus, dass er keine weißen Dessous mag. Fein, ich auch nicht! Und er auch gar nicht auf High Heels steht, sondern Sneaker mag. Mein Glückstag…ich trage Sneaker. Die Frau sollte einfach anziehen worin sie sich wohl fühl ist sein Credo. Auch das versuche ich meinen Klientinnen immer wieder mitzugeben. Schon wieder eine Gemeinsamkeit. Gegen 18h verabschieden wir uns voneinander und ich bin ganz klar: ich würde ihn buchen. Er hat ein gepflegtes Erscheinungsbild, ist respektvoll, aufmerksam, charmant, aber nicht schleimig dabei.

Das alles ist gepaart mit Humor und emotionaler Intelligenz. Und wie heißt es immer so schön: Sex beginnt im Kopf und das kann dieser Mann wirklich gut initiieren. Und den Rest kann er sicher auch gut. Und keine Angst alle gesundheitlich notwendigen Tests werden sorgsam regelmäßig gemacht. Und dazu immer Kondome genutzt.

Ob alle Callboys so agieren, wie er, kann ich nicht beantworten, da ich bislang erst mit zwei Callboys sprechen konnte. Und schon bei diesen beiden gab es viele Unterschiede. Aber so individuell wie wir Frauen sind, so individuell sind auch die Callboys.

Also liebe Frauen traut euch.

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