Ist Scham nun wichtig oder unnütz?

Scham und Schuld - Interview mit Lisa Frey

Über Scham unterhalte ich mich im Folgenden mit Lisa Frey. Sie ist Sexualpädagogin und hat sich mit Schamaffekten in der Sexualerziehung in ihrer Masterabschlussarbeit beschäftigt. Sie arbeitet vorwiegend mit Mädchen und Frauen mit oder ohne Beeinträchtigung im Berliner Familienplanungszentrum – BALANCE.

Mehr Infos über deren Tätigkeit sind unter www.fpz-berlin.de zu finden.

Liebe Lisa, du hast dich intensiv mit dem Thema Scham beschäftigt. Wie hast du dich diesem großen Thema genähert? Ich als Laie würde sicher mit folgenden Fragen beginnen: Ist Scham angeboren? Ist Scham immer mit Rot werden in Verbindung zu bringen? Können nur Menschen Scham empfinden?
Scham erkennt man manchmal an der plötzlichen Schamesröte im Gesicht, manchmal wird Scham aber auch durch Kichern ausgedrückt oder durch „cooles“ Verhalten überspielt.  Vielen Menschen fällt es schwer, das Erleben von Scham zu beschreiben. Es kann zu einer regelrechten Gedankenblockade kommen oder zum Wunsch, direkt im Erdboden zu versinken.
Leichtere Formen von Scham oder auch Peinlichkeit gehören aber im Alltag immer dazu und natürlich auch beim Sprechen über Sexualität. Wir können davon ausgehen, dass Scham einerseits eine angeborene Komponente hat – als eine Art Grundemotion wie Angst, Wut oder Freude. Andererseits stark sozial geprägt ist, was wir etwa am sehr unterschiedlichen Umgang mit Nacktheit erkennen können.

Was ist eigentlich der Sinn und Zweck von Scham?
Es gibt unterschiedliche Ansätze, sich mit Scham zu beschäftigen – etwa in der Emotionsforschung oder in der Sexualpädagogik. Einerseits wird Scham zur Angst gezählt, daher sprechen etwa psychoanalytische Ansätze von „Schamangst“ d.h. die Scham als eine Form von Angst, die auch eine soziale Funktion hat. Scham ist dann ein Signal für uns, zu merken, dass wir soziale Ächtung erfahren könnten. Beispielsweise, wenn uns ein Missgeschick passiert. Man stolpert, andere gucken, man gibt sich eine Blöße – und man schämt sich, weil man eine negative Darstellung von sich befürchtet – und dass die anderen sich über einen lustig machen. Und im schlimmsten Fall würde ein sozialer Ausschluss stattfinden.

Bedeutet das, dass Scham immer ein Publikum braucht? Oder kann ich mich auch alleine in meinem Zimmer schämen?
Man kann sich auch alleine schämen, aber wichtig ist dabei, dass es in der Vorstellung jemand anderen gibt. Scham ist schon als ein sozialer Affekt oder als eine soziale Emotion zu verstehen. Das heißt, der Blick von außen auf uns spielt immer eine Rolle. Es muss aber nicht immer jemand real da sein. Es funktioniert auch, indem man zum Beispiel soziale Normen verinnerlicht hat und dadurch spürt, dass man dem Anspruch nicht gerecht wird.

Scham entsteht also, weil man das Gefühl hat, man ist beispielsweise nicht gut genug?
Ja, das ist eine Möglichkeit. Was vielleicht fürs Verständnis hilfreich ist, ist hier die Unterscheidung von Scham und Schuld.

Könntest du das näher erläutern?
Schuld ist die Angst vor Strafe, weil man etwas falsch gemacht hat. Man hat sich falsch verhalten, und es entsteht Schuld. Diese Schuld kann ich aber auch wiedergutmachen – in den meisten Fällen zumindest- und dann kann ich mich wieder gut fühlen.
Scham hingegen ist personenbezogen. Hier heißt es nicht, ich habe etwas falsch gemacht, sondern hier heißt es dann, ich bin schlecht, ich bin falsch. Aus der Vorstellung beispielsweise ich bin hässlich entsteht ich schäme mich für meinen Körper. Dann könnte das bedeuten, ich habe Angst davor, so wie ich bin, nicht von anderen angenommen zu werden. Ich habe Angst, von anderen abgelehnt zu werden, ausgeschlossen zu werden. Und da kann ich nicht einfach so etwas gutmachen, sondern das ist quasi ein Teil von mir. Und darum ist die Scham meist ein bisschen schwieriger auszuhalten.

Habe ich Scham denn schon in mir oder wird mir die durch meine Erziehung und medial gegeben?
Nehmen wir das Beispiel Cellulite. Dafür sollen wir Frauen uns doch den Medien zufolge schämen.

Welche Art von Scham meinen wir? Es gibt die Körperscham, die mit Privatsphäre und Intimität zu tun hat, und die als Schutz der Intimität und Privatsphäre dient. Man geht davon aus, dass es bei allen Bevölkerungsgruppen diese Körperscham zum Schutz der Privat- und Intimsphäre gibt.
Und es gibt die Körperscham, die mit Defiziten und/oder scheinbaren Defiziten einhergeht, wo es eher darum geht, dass man sich minderwertig oder eben hässlich fühlt.

Die eine schützt uns also zu Recht und die andere redet uns häufig etwas ein, was wir nicht glauben und nicht verinnerlichen sollten.
Die Sexualpädagoginnen Helge Jannink und Christina Witz nennen das die „Doppelseitigkeit“ der Scham. Ich würde das ebenso sehen: Einerseits erfüllt Scham eine wichtige Schutzfunktion, indem sie unsere persönlichen Grenzen markiert und als Signal vor Grenzüberschreitungen warnt. Andererseits kann Scham als Folge von Abwertung, Ablehnung oder Tabuisierung ein Hindernis sein, zu sich selbst und seiner Sexualität einen positiven Bezug aufzubauen.

Gibt es Schamunterschiede bei Jungen und Mädchen? Oder sind die Anlässe verschieden?
Erstmal würde ich sagen, dass im Zuge der Pubertät die Scham zunimmt und zwar bei allen Jugendlichen. Dieser mit der Pubertät steigende Scham Peak flacht dann aber wieder ab.
Unterschiede sehe ich hier darin, dass Körperstellen unterschiedlich besetzt sind.
Die Brust bei einem Jungen ist anders mit Scham besetzt als bei einem Mädchen in der Pubertät.
Beim Thema Defizite und negative Scham im Sinne von ein negatives Körperbild zum Beispiel zu haben oder auch, was den Leistungsanspruch anbelangt gibt es sicher starke Geschlechterunterschiede in Bezug auf Sexualität.

Das kann ich mir gut vorstellen, da Jungen und Mädchen heutzutage leider immer noch in alten Rollenbildern festsitzen.
In deiner Forschungsarbeit wolltest du erkunden, wie sexualpädagogische Experten mit der Herausforderung umgehen, ohne Tabus über Sexualität zu sprechen – dabei aber die individuellen Schamgrenzen der Zielgruppe wie auch ihre eigenen Schamgrenzen zu achten
.
Meiner Erfahrung nach ist Scham in der sexualpädagogischen Arbeit allgegenwärtig – gleichzeitig gibt es eine Schwierigkeit, das Thema in Worte zu fassen. Da stellt sich die Frage, wie geht man sinnvoll mit diesem Dilemma, dem Spagat zwischen positiven Umgang der Sexualität und dem gleichzeitigen Nicht-Leugnen der Scham um. Im Ergebnis aber komme ich zu dem Schluss, dass die Experten auf sehr vielschichtige Weise Strategien anwenden, um einerseits das Sprechen über Sexualität zu ermöglichen, andererseits Gefühle wie Scham, Peinlichkeit oder auch Ekel und Unsicherheit ernst zu nehmen und zu berücksichtigen.

Als Sexualpädagogin möchtest du den Jugendlichen einen positiven und angstfreien Blick und Zugang zu ihrer Sexualität ermöglichen. Du bist beispielsweise in einer Mädchengruppe mit dem Thema Menstruation und bemerkst da ist Sie – die Scham. Wie gehst du vor?
Da gibt es verschiedene Wege der Darstellung: sachlich, neutral, positiv, aufregend oder als nervige Komponente des alltäglichen Lebens. Gehe ich locker damit um und rede sehr klar darüber kann es einerseits eine Vorbildfunktion haben, andererseits aber auch zu Überforderung führen. Wichtig ist es die Scham zu akzeptieren. Ich würde einerseits die Scham anerkennen und erstmal akzeptieren. Und dann versuchen, konkret der Person zu helfen, die sich schämt. Zum Beispiel: Das Mädchen beginnt in der Schulstunde zu menstruieren – und die Hose ist durchgeblutet. Wen kann man fragen und wer kann ganz konkrete Tipps geben? Wer kann dir einen Tampon oder eine Binde geben? Man kann sich einen Pulli umbinden. Und dann weiter in das Gespräch gehen.

Aber das hat sicher auch ganz viel mit der Erziehung von Körper und Selbstbewusstsein zu tun?
Ja, und genau davon können alle in einer Gruppe profitieren. Es gibt immer wieder Jugendliche, die da lockerer sind als andere, und das hat eine gute Vorbildfunktion. Es geht sicher vielen so, dass sie sich schämen: Aber andererseits warum ist das so? Die Hälfte der Menschheit menstruiert und das ist doch nicht schlimm. Und dann kann man versuchen, die Tabus ein bisschen abzubauen, Sichtweisen zu verändern und somit die Scham zu verringern. Aber wir dürfen nicht vergessen, dass Scham auch eine wichtige Funktion gerade im Kontext von Wahren der eigenen Grenzen hat. Dies ist im Kontext sexueller Übergriffe und Gewalt ein ganz wesentlicher Aspekt. Es sollten beide Seiten beachtet und besprochen werden.

Ich würde gern ein Brené Brown Zitat einbringen:
„Für Brené Brown ist die Scham zur „Zwangsjacke“ geworden, die uns in unseren Möglichkeiten einschränke. Ursprünglich sollte sie garantieren, dass alle nach den tradierten Regeln handeln. In der modernen Gesellschaft hingegen sorgen Regelbrüche und Wagemut für Fortschritt. Deshalb plädiert Brown dafür, die eigene Scham zu bekämpfen: Wer Angst vor einer Blamage hat, wagt keinen Schritt nach vorn.“ (Ulrike Meyer-Timpe, Gebrauchsanweisung für ein Gefühl: Scham, ZEIT Wissen Nr. 6/2016)

Das ist ein interessanter Aspekt und zeigt nochmal, Scham als Teil von Angst zu betrachten, was aus der Sicht der Psychologie bedeuten würde:
Wenn man sich schämt und die Situationen, die Scham auslösen, meidet, dann wird das Problem nicht kleiner, sondern größer. Also man schämt sich immer mehr und wird immer unsicherer und immer ängstlicher. Und da, denke ich, kann man durchaus anregen, sich schamhaft einer Situation zu stellen und mutig zu sein. Zum Beispiel wenn jemand sich schämt Sex im Hellen zu haben.

Das würde ich auch meinen Klienten und Klientinnen raten, mutig zu sein. In kleinen Schritten, dem eigenen Tempo entsprechend, sich der Scham zu stellen, die sie an einer erfüllten Sexualität hindert.
Ja ich finde es gut, was du sagst: Erstmal in sich rein spüren und bemerken. Ich spüre, dass ich mich schäme, artikuliere es erst für mich, dann vielleicht gegenüber dem Partner, und geht man gemeinsam lösungsorientiert weiter. Es muss womöglich nicht ganz dunkel sein. Es könnten Kerzen angemacht werden.

Brauchen wir mehr Scham oder weniger Scham in der Sexualität?
Ich denke, das ist eine sehr individuelle Frage. Manchen würde es helfen, sich von ihrer Scham zu befreien; andere könnten vielleicht von einer Portion Scham profitieren. Als Gesellschaft hoffe ich, dass wir die Vielschichtigkeit von Scham als Schutz und Hindernis noch besser begreifen – um etwa sexuelle Gewalt besser zu verhindern und andererseits ein freieres Erleben von Sexualität zu befördern.

Noch ein Wort zum Schluss?

Fürs Schämen muss man sich nicht schämen – darf man aber auch.

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